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Interview:
Christlicher Palästinenser E. Badeen zum Film "Herz von Jenin" und zum Palästina-Krieg

Auch Israels Mauer wird eines Tages fallen   

Von Georges Scherrer / Kipa

Zürich, 12.3.10 (Kipa) Ein Zeichen menschlicher Grösse und nicht eine politische Geste ist das Verhalten eines palästinensischen Vaters im Dokumentarfilm "Das Herz von Jenin", sagt der in der Schweiz lebende christliche Palästinenser Edward Badeen, Leiter eines schweizerisch-palästinensischen Hilfswerks. Der Vater in Jenin gab die Organe seines Sohnes, den die Israeli erschossen haben, für die Transplantation an israelische Kinder frei. Einen Satz im Film hebt Badeen besonders hervor: "Menschenleben zu retten ist immer gut, für wen auch immer."

Zu solchen Aktionen wie die des Vaters komme es immer wieder. Es gebe immer noch Menschen "beidseits der israelischen Grenzen, die gemeinsam gegen diese verrückte Politik und die israelischen Widerstände ankämpfen". Das Problem sei aber, dass Israel Gegensteuer gebe. Der Israeli, der in der Schweiz politisches Asyl erhielt und heute Schweizer Bürger ist, ist überzeugt, dass die Mauer, die Israel baut, fallen wird wie jede Mauer, die bisher aus rassistischen oder politischen Gründen gebaut wurde.

   Kipa: Herr Badeen, Sie sind ein christlicher Palästinenser. Was ist das?

Edward Badeen: In Europa haben viele Menschen vergessen, dass das Christentum seinen Anfang in Palästina nahm. Die Christengemeinde in Palästina ist über 2000 Jahre alt. Heute gibt es dort verschiedene Denominationen. Seit dem 19. Jahrhundert missionieren auch amerikanische Gruppen. In Grosssyrien ist die griechisch-orthodoxe Gemeinde die grösste. Von dieser hat sich die melkitische Gemeinde abgespalten. Sie zählt zu den unierten Kirchen, uniert mit Rom, also der römisch-katholischen Kirche. Dennoch ist sie im Orient auch unter dem Namen griechisch-katholische Kirche bekannt, weil sie die ursprüngliche griechisch gefasste Liturgie beibehalten hat. Heute wird die Messe fast ausschliesslich auf Arabisch gefeiert. Ich gehöre zu einer solchen Gemeinde.

   Kipa: Sie leben seit langem in der Schweiz. Welche Beziehung haben Sie zu den Christen in Palästina und in Israel?

Badeen: Ich bin mit einem israelischen Pass in der Schweiz eingereist und bekam mit meiner Familie später politisches Asyl. Seit 1985 bin ich Schweizer Bürger. Ich habe nach wie vor viele Kontakte zu Israel, weil ich dort viele Freunde habe. Zu Menschen in Gaza habe ich kaum persönliche Kontakte. In der Westbank eher.

   Kipa: Haben Sie formellen Kontakt mit christlichen Palästinensern in Palästina?

Badeen: Es ist schwierig. Als Mitglied der Delegation des ehemaligen Patriarchen von Jerusalem, Michel Sabbah, etwa konnte ich Christen aus der Westbank kennenlernen. Ich weiss aber nicht, wie rege die Kontakte zwischen den Christen untereinander sind. Für die Westbank und Gaza gibt es israelische Gesetze, welche die Menschen trennen. Hier in der Schweiz kann man sich gar nicht vorstellen, wie schwierig es dort ist, Kontakte zwischen den verschiedenen Ortschaften zu knüpfen.

   Kipa: Wie steht es mit den Begegnungen zwischen Christen und Muslimen?

Badeen: Die Beziehungen sind ganz normal. Es gibt zwischennachbarliche Schwierigkeiten. Es kommt aber auch vor, dass der israelische Geheimdienst bei Konflikten nachhilft. Symptomatisch ist ein Streit in Nazareth um einen Platz im Zentrum. Einige Muslime waren der Ansicht, dieser gehöre ihnen. Sie meinten weiter, auf dem Gelände befinde sich das Grab eines religiös bedeutenden Menschen und wollten darum dort eine Gebetsstätte errichten. Muslimische Autoritäten aus Jerusalem teilten jedoch diese Auffassung nicht. Die damalige israelische Regierung unter Benjamin Netanjahu hat ihnen aber verboten, ihre Meinung öffentlich kundzutun. Netanjahu trat dann auf einmal als Freund der Muslime auf und gewährte den Bau einer Moschee. Der Streit konnte zum guten Glück beigelegt und das Grundstück dem rechtmässigen Besitzer zugeordnet werden.

   Kipa: Sie sind Präsident des Vereins für die Unterstützung notleidender Palästinenserkinder "Palch.ch". Wo liegt der Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

Badeen: Wir beteiligen uns an einigen Projekten für die Ärmsten der Armen unter den Palästinensern. Dazu gehören auch die Flüchtlingslager im Libanon. Wir vermitteln Kinderpatenschaften. Im Libanon arbeiten wir mit einer Partnerorganisation zusammen. Diese wählt die Kinder aus, die unterstützt werden sollen, zum Beispiel Kinder von alleinerziehenden Müttern. Das sind zum Teil Witwen. Es kommt aber auch vor, dass der Vater krank oder verletzt ist, so dass er ausser Stande ist zu helfen. Wir sind dann jeweils für die Supervision der Aktion zuständig. Wir beteiligen uns zudem an Ausbildungsprogrammen für die Sozialarbeiterinnen und Erzieherinnen in dieser Hilfsorganisation, damit die Kinder in den Kindergärten fachlich betreut werden können.

   Kipa: Die Flüchtlingslager sind in erbärmlichem Zustand, Gaza nach den Zerstörungen durch die israelische Armee ebenfalls – wie ist eine Ausbildung dort möglich?

Badeen: Wir suchen nicht Kinder als Patenkinder aus, weil sie Flüchtlinge sind, sondern weil sie den ärmeren Schichten angehören. Ein Kind wird zum Beispiel monatlich mit 50 Franken unterstützt. Es bekommt das Geld aber nicht selber in die Hand. Dieses geht vielmehr an die Familie, welche Mutter und Kind aufgenommen hat. Für die Familien bedeutet diese Unterstützung eine Erleichterung und gibt das Gefühl, dass die beiden Aufgenommen dieser Familie nicht zur Last fallen. So werden die beiden besser akzeptiert.

   Kipa: Also eher eine existentielle Hilfe?

Badeen: Auch schulische! Eine Bedingung ist, dass die Kinder zur Schule gehen, insbesondere die Mädchen. Oft will man in diesen Kreisen aus Not ein Mädchen früh verheiraten. Das ist dann eine Person weniger, die im Hause isst.

   Kipa: Helfen Sie auch in Gaza?

Badeen: Wenig. Wir helfen dort einer Frauenorganisation.

   Kipa: In der Schweiz läuft der deutsch-israelische Film "Das Herz von Jenin" an. Jenin liegt südlich von Jerusalem in den besetzten Gebieten. Der Film dokumentiert die wahre Geschichte eines palästinensischen Vaters, dessen Sohn auf der Strasse in Jenin durch die Israeli erschossen wurde. Dennoch vermacht der Vater die Organe seines Sohnes an israelische Kinder, denen diese transplantiert werden. Soweit die Geschichte. Die Aussage des Films ist aber wenig hoffnungsvoll. Täusche ich mich?

Badeen: Wenn man heute in Palästina von Versöhnung spricht, dann zäumt man das Pferd am Schwanz auf. Die Katastrophe, in welche die Palästinenser geraten sind, dauert an. Wie kann von Versöhnung gesprochen werden, wenn von den Israelis immer noch Land annektiert wird? Noch 2009 verabschiedete Netanjahus Regierung ein Gesetz, das es erlaubt, Häuser und Grundstücke von Palästinensern, welche Opfer der ethnischen Säuberung von 1948 geworden waren und deren Besitztümer bisher von der Regierung verwaltet wurden, zu Schleuderpreisen an jüdische Bürger zu verkaufen.

   Kipa: Die Geste des Vaters in Jenin war demnach überflüssig.

Badeen: Nein. Sie war aber kein Zeichen der Versöhnung. Sie war ein Zeichen menschlicher Grösse. Er nahm sogar in Kauf, dass Juden damit gerettet werden. In Palästina glauben weder die Christen noch die Muslime, dass es sich beim Krieg zwischen Palästinensern und Israeli um einen Glaubenskonflikt handelt. Unter den Zionisten der ersten Stunde, den Gründern Israels, hatte es auch Atheisten. Es ging nur darum, das Land zu erobern.

   Kipa: Der Film hat also keine politische Aussage.

Badeen: Der Vater wollte nicht Politik machen. Im Todesfall sind die religiösen Gefühle besonders stark. Er wollte helfen. Er holte sich sogar ein religiöses Gutachten von einem Scheich, der erklärte: "Menschenleben zu retten ist immer gut, für wen auch immer."

   Kipa: Wie kann es zu einer Versöhnung kommen?

Badeen: Es braucht eine politische Lösung. Jede Mauer, die aus rassistischen oder politischen Gründen errichtet wurde, ist bisher gefallen. Das wird auch der Fall für jene Mauer sein, die Israel zur Zeit baut. Bis dahin wird es aber noch viel Leid geben.

   Kipa: Steter Tropfen höhlt den Stein. War der Entscheid des Vaters in Jenin ein Beitrag zum Fall der Mauer?

Badeen: Zu solchen Aktionen kommt es immer wieder. Das Problem ist, dass Israel Gegensteuer gibt. So sollen jene Menschenrechtsorganisationen, die im Lande die Regierung kritisieren, einen Maulkorb erhalten. Die Regierung verfolgt die eigenen Leute. Aber es gibt immer noch Menschen beidseits der israelischen Grenzen, die gemeinsam gegen diese verrückte Politik und die israelischen Widerstände ankämpfen.

   Wichtig ist, dass alle Menschen, die eine gerechte Lösung für den Nahen Osten wollen, aktiver werden. Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden, das hat der alttestamentliche Prophet Jesaia gesagt. Die Menschenrechtsorganisationen, die in Israel unter Druck sind, dürfen nicht allein gelassen werden.

Separat:

Edward Badeen

Edward Badeen wurde 1944 in Nazareth geboren. Er unterrichtet heute in St. Gallen arabische Sprache. Am Orientalischen Seminar der Universität Zürich verwirklicht er in Zusammenarbeit mit einem Kollegen eine computergestützte Lernbibliothek für Arabisch, die in das Projekt Advanced Studies Teaching for Foreigners integriert werden soll. Er leitet den Verein für die Unterstützung notleidender Palästinenserkinder (www.palch.ch).

   

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   (kipa/gs/job)


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