
Forum:
Bischof Paul Hinder, Apostolischer Vikar von Arabien, zur Annahme der Minarett-Initiative
M wie Minarett nein – M wie McDonald’s ja
Zürich, 29.11.09 (Kipa) "Mit Betroffenheit" habe er in Abu Dhabi die massive Annahme der Anti-Minarett-Initiative durch das Schweizer Stimmvolk zur Kenntnis genommen, schreibt der Schweizer Kapuziner-Bischof Paul Hinder, Apostolischer Vikar von Arabien, in einem Forumsbeitrag für die Presseagentur Kipa. Den Christen in Arabien werde dieses Abstimmungsergebnis "mit Sicherheit die Arbeit nicht erleichtern".
Ich habe hier in Abu Dhabi die massive Annahme der Anti-Minarett-Initiative mit Betroffenheit zur Kenntnis genommen. Nun hat die Schweizerische Eidgenossenschaft wieder einen religiösen Ausnahmeartikel in der Verfassung. Ob dies der Schweiz gut tut, ist zu bezweifeln. Uns Christen in Arabien wird es mit Sicherheit die Arbeit nicht erleichtern, auch wenn einzelne glauben sollten, sie hätten uns mit ihrem Ja einen Dienst erwiesen.
Atmosphärisch nun wohl einiges schwieriger
Natürlich werden wir mit der Antwort nicht verlegen sein, wenn jemand etwa bei unseren Baugesuchen auf den Ausgang der Abstimmung zur Anti-Minarett-Initiative hinweisen sollte. Zwar wird in der Schweiz der Bau von Minaretten verboten, aber die Errichtung von Moscheen bleibt den muslimischen Gemeinden ja unbenommen. Insofern gibt es keinen Grund, in Panik zu verfallen.
Atmosphärisch allerdings könnte manches schwieriger werden. Niemand kann schliesslich ernsthaft bestreiten, dass mit dem Ja zum Minarett-Verbot eine konkrete Religionsgemeinschaft abgestraft wird, deren Mitglieder in der Schweiz sich nichts haben zu Schulde kommen lassen.
Gebetsruf mit dem Alphorn vom Balkon?
Ich habe Verständnis für die irrationalen Ängste vieler Schweizerinnen und Schweizer vor der Sichtbarkeit einer Religion, die sie früher nur vom Hörensagen kannten, nun aber unmittelbar vor ihrer Haustüre oder in der Wohnung nebenan finden. Offensichtlich sagten sich viele Stimmende: Die Muslime dürfen schon hier sein, aber dann sollen sie es bitte nicht zeigen. Und wenn schon, dann soll eine Moschee einem Swiss Chalet gleichen und soll der Gebetsruf gegebenenfalls mit dem Alphorn vom Balkon geblasen werden. Ob das allerdings die Integration des Islam in die schweizerische Wirklichkeit garantieren würde, bleibe dahingestellt.
Ein Minarett wäre in der Schweizer Landschaft jedenfalls kaum ein grösserer Fremdkörper als das M von McDonald’s, das ja für viele ebenfalls eine beinahe religiöse Anziehungskraft zu haben scheint.
Wer wird die Geister bannen?
Die Abstimmung ist vorbei. Die Initianten haben gewonnen. Damit ist aber eine andere, schwerwiegende Frage noch nicht beantwortet: Wer wird die Geister, die der populistische Zauberer gerufen hat, wieder bannen?
Müssen sich die Schreibtischtäter der Initiative nicht den Vorwurf gefallen lassen, dass sie Gewaltbereitschaft gegen eine religiöse Minderheit ausgelöst haben, die nicht so leicht wieder einzudämmen sein wird?
Wie sichtbar darf Religion sein?
Es ist zu hoffen, dass der für mich überraschende Abstimmungsausgang wenigstens im Nachgang noch zu einer vertieften Auseinandersetzung mit der Frage führt, wie sichtbar Religion in der Gesellschaft sein darf oder sogar sein muss. Im allgemeinen bekommt man den Eindruck, dass viele Leute geradezu mit panischer Angst auf die Zeichen religiöser Präsenz reagieren, nicht nur im Blick auf den Islam.
Es ist nicht einzusehen, warum eine Religionsgemeinschaft, die sich an die Ordnung eines freiheitlichen Rechtsstaates zu halten gewillt ist, ihre Präsenz nicht in der ihr entsprechenden Form soll ausdrücken können. Dieses Grundrecht ist nun per Volksentscheid partiell ausser Kraft gesetzt worden.
Als Ruhmesblatt für die direkte Demokratie wird dies mit Sicherheit nicht in die Geschichtsbücher eingehen.
(kipa/ph/job)
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