
Hans Küng attackiert Papst wegen Anglikaner-Öffnung
Rom, 28.10.09 (Kipa) Als "Tragödie" und "unökumenische Piraterie" hat der Theologe Hans Küng die neue Initiative des Vatikan gegenüber konversionswilligen Anglikanern bezeichnet. "Dieser Papst fischt in rechten Gewässern", schreibt der Geistliche in einem Beitrag der Tageszeitung "La Repubblica" vom Mittwoch, 28. Oktober. Papst Benedikt XVI. wolle die schrumpfende Schar der römischen Katholiken mit anglikanischen Sympathisanten auffüllen.
Dazu mache er es deren Geistlichen sehr leicht, indem er ihnen die Beibehaltung ihres Ehe-Status erlaube. Die neue römische Massnahme sei nichts anderes als ein "drastischer Kurswechsel" in der Ökumene, so Küng.
Der Vatikan hatte vor einer Woche die Errichtung von Personal-Ordinariaten für konversionswillige anglikanische Priester und Gläubige angekündigt. In ihr könnten Anglikaner ihre Liturgie und ihr geistliches Erbe in voller Gemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche beibehalten. Verheiratete anglikanische Priester könnten nach einem Übertritt auch in der katholischen Kirche zu Priestern geweiht werden, sieht die noch nicht veröffentlichte Apostolische Konstitution vor.
"Unökumenische Piraterie"
Laut Küng entferne sich der Vatikan mit diesem Schritt von der fundierten ökumenischen Strategie des direkten Dialogs und einer echten Versöhnung. "Er geht hin zu einer unökumenischen Piraterie unter Priestern, denen sogar die mittelalterliche Pflicht des Zölibats erspart wird, nur um ihnen eine Rückkehr nach Rom unter dem Päpstlichen Primat möglich zu machen".
Der Anglikanische Primas Rowan Williams habe die listige vatikanische Diplomatie offenbar nicht durchschaut, schreibt Küng. Im übrigen hätte die "Beute der römischen Netze" nicht verstanden, dass sie in der römisch-katholischen Kirche nur Priester zweiter Klasse würde.
Nach früheren ökumenischen Fortschritten zwischen Rom und Canterbury mache Benedikt XVI. der anglikanischen Gemeinschaft keine Zugeständnisse, sondern setze immer mehr auf einen mittelalterlichen römischen Zentralismus.
Neuer römischer Zentralismus
Der alte Aufruf zur Rückkehr nach Rom durch Konversion erlebe einen neuen Höhepunkt. Die neue Massnahme schwäche die anglikanische Kirche, irritiere deren Gläubige und sorge für Empörung unter katholischen Priestern und Laien. Während der Vatikan katholischen Geistlichen hartnäckig die Ehe untersage, müssten diese erleben, wie neben ihnen jetzt konvertierte verheiratete ex-anglikanische Geistliche tätig seien.
Vatikan: Küng-Kritik as realitätsfern zurückgewiesen
Der Vatikan hat die Attacken des Schweizer Theologen Hans Küng gegen seine jüngste Anglikaner-Initiative als "realitätsfern" und verzerrend zurückgewiesen. Mit Bitterkeit und ohne Fundament kritisiere Küng das historische Einigungsbemühen des Papstes, schreibt die Vatikanzeitung "Osservatore Romano" in ihrer Donnerstagsausgabe (28. Oktober). Er stelle sie als "listige Machtoperation" dar, die in politischen Kategorien zu lesen sei - natürlich von der extremen Rechten.
"Es lohnt nicht, die Fehler und die Ungenauigkeiten dieser jüngsten Textes von Küng hervorzuheben", heisst es in dem Kommentar von Chefredakteur Giovanni Maria Vian. Er ignoriere absichtlich Fakten, der Ton grenze mitunter an Komik und gereiche der Lebensgeschichte Küngs erneut nicht zur Ehre. Schliesslich verhöhne der Autor auch noch den Anglikanischen Primas, der mit dem katholischen Erzbischof von Westminister zu dem Vorgang eine gemeinsame Erklärung abgegeben hatte.
"Überzogende Worte"
Küng, der von einflussreichen Medien für unfehlbar gehalten werde, verwende zur Beschreibung der aktuellen Situation der katholischen Kirche unter dem gegenwärtigen Papst den Begriff "Tragödie". Man brauche nicht zu derart überzogenen Worten zu greifen, um seinen Artikel zu bewerten, meinte Vian. "Auch wenn viel Bitterkeit angesichts dieses erneuten grundlosen Angriffs gegen die Kirche von Rom und ihre unbestreitbares ökumenisches Engagement bleibt".
(kipa/r/gs)
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