
Der Vatikan und die Steuerparadiese
Zürich, 29.3.09 (Kipa) Der Vatikan als mögliche Steueroase? Kurz vor dem G20-Gipfel in London, an dem eine schwarze Liste von Steueroase-Ländern erstellt werden soll, fragt sich die "NZZ am Sonntag", ob der Kirchenstaat nicht auch auf einer solchen Liste aufgeführt werden sollte. Die EU und die USA, die zum Angriff gegen Steuerparadiese geblasen haben, hätten den Vatikan aber nicht im Visier, obwohl die päpstlichen Banker keinerlei Wert auf Transparenz legten.
Diskretion sei oberstes Gebot vatikanischer Bankiers. Das "Institut für religiöse Werke" gebe keine Auskünfte. Das "Istituto per le opere religiose" (IOR) sei "reservierter als Banker in der Schweiz und abgeschirmter als Banken auf den Cayman-Inseln" zitiert die Zürcher Zeitung Roms "Repubblica".
In der Berichterstattung der "NZZ am Sonntag" vom 29. März heisst es, die Finanzgeschäfte des IOR hinterliessen keine Spuren. Checkbücher kenne die Bank nicht. Das Geldinstitut, das bis auf die Vergabe von Darlehen allen üblichen Bankgeschäften nachgehe, arbeite ausschliesslich mit Bargeld (Euro und Dollar), Goldbarren und anonymen Gutschriften. Kontoinhabern soll es "fürstliche Bedingungen" gewähren
Laut Gerüchten entscheide allein IOR-Präsident Angelo Caloia über die Aufnahme neuer Bankkunden. Auf diese Weise soll nach verschiedenen Skandalen in den achtziger Jahren vermieden werden, dass kriminelle Geschäfte über den Kirchenstaat abgewickelt werden können. Italienische Staatsanwälte würden der Bank jedoch vorwerfen, sie hätten Mafia-Gelder gewaschen und Korruptions-Millionen verwaltet. Kein einziges Mal jedoch habe der Heilige Stuhl bisher der italienischen Justiz Rechtshilfe gewährt. Nach Meinung italienischer Fachleute verfügt das IOR über Geldeinlagen in vielfacher Milliardenhöhe. Aus Tradition lege die Vatikanbank keine Bilanzen und keinen Rechenschaftsbericht vor.
Der Fall Marcinkus
Die Zeitung erinnert an den Skandal, der in den siebziger Jahren den Vatikan erschütterte. Der damalige Chef der Vatikanbank, Erzbischof Paul Casimir Marcinkus, soll zusammen mit dem Bankier Roberto Calvi und dem Mafia-Geldwäscher Michele Sindona über den Banco Ambrosiano Millionen veruntreut und verschoben haben. Die Mailänder Privatbank machte betrügerischen Bankrott. Wenig später wurde Calvi in London erhängt unter einer Themsebrücke aufgefunden. Sindona kam im Gefängnis ums Leben. Er hatte vergifteten Kaffee getrunken. Seit Jahrzehnten halte sich zudem das Gerücht, auch Papst Johannes Paul I. sei Opfer des Skandals geworden, so die Zeitung. Er starb 1978 nach nur 33 Tagen Amtszeit. Angeblich wusste er von den dunklen Geschäften des IOR und sei deshalb umgebracht worden.
Der G20-Gipfel findet am 2. April in London statt und vereinigt die Führer der zwanzig wichtigsten Wirtschaftsnationen. Die Schweiz wurde zum Treffen nicht eingeladen.
(kipa/gs)
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