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GV des Katholischen Mediendienstes zum Thema: "Was ist mit der Kirche los?"

Kirche zwischen Krise und Identität   

Von Petra Mühlhäuser / Kipa

Zürich, 1.6.10 (Kipa) "Was ist mit der Kirche los?" Diese Frage stellte eine Veranstaltung mit Referaten und Diskussionsrunden anlässlich der Generalversammlung des Katholischen Mediendienstes (KM) am Montag, 31. Mai, in Zürich. Gemeint waren vor allem die Missbrauchsskandale. Krisenmanagement ist Chefsache, da war man sich einig. Und: Wie man nach aussen auftritt, hat auch etwas mit Identität zu tun.

Den Beginn machte Simon Spengler, Sekretär der Kommission für Kommunikation und Medien der Schweizer Bischofskonferenz (SBK), mit einem Rückblick auf den Umgang kirchlicher Stellen mit der aktuellen Missbrauchskrise. Die Krise sei voraussehbar gewesen, sagte er, schliesslich traf es ein Land um das andere. Dennoch habe man lange Zeit von den Bischöfen nichts gehört, dann nur von einzelnen. Der Präsident der SBK hätte sehr bald und im Namen aller sich äussern müssen, fand Spengler, der seine persönliche Meinung äusserte. "Medial gesehen gibt es die Diözesen nicht, da gibt es nur die Schweiz."

   In einem Unternehmen müsse der Chef innert Stunden, mindestens Tagen zur Verfügung stehen. Doch "oben war Schweigen", spitzte der Theologe und ehemalige Blick-Journalist seine Analyse zu. Am Mittwoch der Karwoche, gerade noch rechtzeitig vor Ostern, sei dann der SBK-Präsident vor die Medien getreten – besser wären nach Spengler drei Bischöfe gewesen, so wie das auch der Bundesrat in Krisensituationen mache. Die Beachtung sei gewaltig gewesen.

Kaum angekommen

Und der Inhalt des Gesagten? Fünf Regeln der Krisenkommunikation gebe es, sagte Spengler. Man müsse zugeben, dass man ein Problem hat, erklären, dass man weiss, wo es liegt, dass man daran arbeitet, die Kompetenz hat das Problem zu lösen, dass man umfassend, transparent und umgehend informiere. Das erste sei bei der Bevölkerung angekommen, die übrigen Punkte traue man der Kirche nicht oder nur teilweise zu.

   Spengler regte an, die Bischöfe müssten sich direkt dem Dialog mit den Menschen stellen, etwa mit einer Chat-Aktion, Facebook oder Twitter (letzteres nutzt der Einsiedler Abt Martin Werlen bereits erfolgreich).

   Positiv wertete Spengler die Kampagne "Mehr good news" – und negativ die Kritik aus Kreisen der Kirche an dieser Kampagne und ihrer Terminierung. Schliesslich habe die Kampagne mediale Beachtung gefunden. Man müsse bei schlechten Neuigkeiten gut kommunizieren – aus der Zitrone Limonade machen, wie er sagte.

Zersplitterung als Chance?

Ein Podium diskutierte daraufhin Spenglers Thesen. Dabei stand die Frage im Vordergrund, wie man denn die Haltung der Kirche kommunizieren könne, wo diese derart heterogen sei, dass die Meinungen zum Missbrauchsskandal selbst in der SBK auseinander gehen, wie Spengler erklärt hatte. Daniel Kosch, Generalsekretär der Römisch-katholischen Zentralkonferenz (RKZ), forderte, dass es eine innere Kommunikation brauche, die den Standpunkt der Kirchenleitung allen ebenfalls in der Medienarbeit Tätigen deutlich mache. Er betonte ausserdem, es gebe eine ganz falsche Vorstellung davon, was die Gute Nachricht sei: Es gehe nicht darum, dass die Menschen in der Kirche fehlerlos seien, sondern dass es, auch wenn man nicht fehlerlos sei, immer wieder einen neuen Anfang gebe.

   Angela Büchel vom Vorstand des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds SKF, der sich frühzeitig und sehr deutlich zur Missbrauchskrise geäussert hatte, fand hingegen, die Zersplitterung der katholischen Kirche sei eine Chance. Für sie ist es positiv, dass sich so viele unterschiedliche Stimmen zu Wort meldeten.

"Wer weiss schon, was ein Generalvikar ist?"

Ist die Vielfalt Chance oder Crux?, griff der Moderator und Geschäftsleiter des KM, Charles Martig, die Frage auf. Im Publikum fanden sich mehrere Stimmen, die sich der Theologin anschlossen. Vertrauen unter den verschiedenen Akteuren sei nötig, erklärte jemand, dann habe auch die Vielfalt Platz. Zuerst müsse aber der Repräsentant der Kirche reden, so jemand anders, denn Krisenkommunikation sei Chefsache, da war man sich einig, und die habe versagt. Es nützt nichts, wenn nach einem Eclat der Generalvikar vor die Medien tritt – das zeigten die Erfahrungen. "Wer weiss denn schon, was ein Generalvikar ist?", meinte jemand. Die Medien wollen den Chef, also den Bischof, noch besser den SBK-Präsidenten. Erst nachher werden dann andere (dem widersprechende) Stimmen wahrgenommen.

Das Ende der Konfessionalität?

In einem zweiten Teil stellte Willi Bühler, Radio- und Fernsehbeauftragter beim Katholischen Mediendienst, 13 provokative Thesen vor zu einer Annäherung der Religionen. Er unterrichtet in Teilzeit Religionskunde an einer Mittelschule und erklärte, angesichts abnehmender religiöser Sozialisierung gehe das Zeitalter der Konfessionalität ebenso zu Ende wie – angesichts einer Enttraditionalisierung des Religiösen – die Unterscheidung zwischen Rechtgläubigkeit und Häresie sowie die übertriebenen Geltungsansprüche verschiedener Religionen.

   Im Rahmen dieser Enttraditionalisierung gehörten viele noch zur Kirche, glaubten aber nicht mehr oder umgekehrt – Willi Bühler sprach von "Karteileichen". Dagegen verwahrte sich später Daniel Kosch. Auch jene, die passiv seien, aber ihre Kirchensteuern zahlten, seien wertvolle Kirchenmitglieder und leisteten einen wichtigen Beitrag. Und dass sie nicht glauben, sei auch nicht gesagt.

Für eine "grosse Ökumene"

Willi Bühler sieht die weltanschaulichen Brüche heute nicht mehr zwischen den Religionen sondern innerhalb: Fundamentalistische Katholiken hätten mit ebensolchen Muslimen mehr gemein als mit progressiven Katholiken. Er plädierte – statt der "kleinen Ökumene" der Konfessionen – für eine "grosse Ökumene aller Religionen guten Willens", für eine "Ökumene der Menschenrechte".

   Letzteres würde nicht funktionieren, widersprach hingegen Simon Spengler. Und nicht jede traditionelle Form von Religion sei auch fundamentalistisch. Er äusserte seine Bedenken gegenüber dem bekenntnisfreien Religionsunterricht – um dem Anspruch an die Kirche gerecht zu werden, müsse man irgendwo verankert sei. "Wer eine Religion kennt, kennt keine", konterte Bühler. Denn dann werde der eigene Mehrwert nicht deutlich.

Der "Mehrwert" der Kirche

"Alle Unterschiede sind ein Mehrwert", sagte daraufhin Angela Büchel. "Wir müssen unsere Identität ja nicht in Abgrenzung zu anderen finden." Sie sprach sich für die Betonung des "K" im SKF aus – obwohl der Frauenbund mit anderen, auch nichtkonfessionellen Frauenverbänden sehr gut zusammen arbeite, könne man sich nicht einfach zusammenschliessen. "Daher kommen ja die Werte."

   "Die reine Linie, die wir suchen", erklärte Spengler, sei geradezu eine Selbstzerfleischung. Man dürfe nicht immer gleich sortieren, wer wo hingehöre.

   Moderator Willi Anderau, Präsident des KM, fand, die grosse Linie solle doch erkennbar werden. Es gehe um die Antwort, die man geben wolle, fand jemand im Publikum, von Identität war die Rede, die man nicht preisgeben solle, von Profilierung. Charles Martig stellte die Frage, wie die Kirche Verantwortung für die Gesellschaft mittragen könne und nannte den SKF als gutes Beispiel, weil sich der Verband laufend an öffentlichen Diskussionen beteilige.

   Jemand zitierte Fulbert Steffensky: Mission ist zeigen, was man liebt. Damit sei Identität schon passiert. "Es hat nicht nur Zitronen, es hat auch Trauben", griff Anderau zum Schluss das Bild von Simon Spengler wieder auf. "Aber die sehen wir viel zu wenig. Aus Zitronen lässt sich kein Wein machen."

   (kipa/pem/bal)


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