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Zur Diskussion um den Missbrauch in der Seelsorge
Missbrauchsskandal... und kein Ende
Von Leo Karrer* / Kipa
11.4.10 (Kipa) Die Kirche steckt in einer Krise, die zutiefst erschüttert. Man spricht von einem Supergau. Es kommt das Bild vom Tsunami in den Sinn, der nicht nur die Kirche überschwemmt, sondern manches auch wegschwemmen kann.
Verlust der moralischen Ehre
Die Fakten liegen auf dem Tisch. Die Tragweite ist noch nicht einzuschätzen. Es ist indessen keine Krise, die nur mit binnenkirchlichen Spannungen wie zum Beispiel zwischen konservativen und progressiven Lagern in der Kirche zu tun hätte. Vielmehr ist die Glaubwürdigkeit der römisch-katholischen Kirche mit ihrem hohen moralischen Anspruch verloren gegangen. Die Kirche kann nicht dauernd die ethischen Höchstpreise an die Welt verkünden, ohne diese Grundsätze in ihrem eigenen Bereich selber anzuwenden und zum Massstab für die eigene Praxis zu machen. Sonst wird bis zu einem gewissen Grad erklärbar, warum die mediale Öffentlichkeit zum Teil hämisch und sensationslüstern reagiert.
Gottlob haben Orden, einzelne Bischöfe und Äbte erstaunlich offen und verantwortlich gehandelt, indem sie das unheimliche Schweigen durchbrochen und für die Opfer endlich die gebotene Aufmerksamkeit aufbrachten. Gleichwohl zeigt sich das organisatorische System der römisch-katholischen Weltkirche in der Igelstellung. Wenn zum Bespiel Kardinal Sodano am Schluss des päpstlichen Ostergottesdienstes vom "Geschwätz gegen den Papst" spricht, dann ist man zutiefst peinlich berührt, wie weltfremd und selbstgerecht sich das hierarchische System vor der Wirklichkeit mit all ihren Realitäten abschirmt. Oder spürt eine verängstigte Männer-Riege, dass diese Erschütterungen nun wirklich an den Grundfesten der Innenarchitektur unserer Kirche rühren?
Die Kirche ist nicht nur das Opfer einer vermeintlich feindlichen Welt, sondern ausserdem Opfer ihrer selbst. Die innere Statik des hierarchischen Systems ist bedroht. Das zentralistisch übersteuerte und erstarrte patriarchale System der kanonischen Kirche muss zur Dynamik der theologisch möglichen und seelsorglich nötigen Reformen zurückfinden. Daran glauben viele nicht mehr. Das gelingt auch nicht, wenn das System mit all den bekannten heissen Eisen immer gesundgebetet wird, sondern nur wenn es zu einer spirituellen Erneuerung kommt und der Mut zu konkreten Reformschritten gewagt wird. Viele um die Kirche besorgte Menschen vermissen in dieser prekären Situation eine prophetische Führung und spirituelle Initiativen durch die Kirchenleitung und vor allem durch den Papst, den die Situation sichtlich erschöpft. Man erwartet ein Zeichen aus dem Vatikan. Wie befreiend wäre eine Bussfeier mit dem Papst, bei der die Fehler und Schwächen (auch) des Systems gebeichtet würden und man Gott um Verzeihung bittet.
Erneuerung aus eine spirituellen Tiefe heraus
Vielleicht verrät sich hinter all den innerkirchlich und gesellschaftlich bedingten Krisen der Kirche so etwas wie eine Pädagogik Gottes. Vielleicht haben wir in einem gewissen Sinn zu viel Kirche. Wir vertrauten allzu sehr auf die institutionalisierte Kirche, statt auf die Botschaft Jesu von einem Gott, der den Menschen in Liebe nahe sein will. Und wer verkündet wie das Christentum im Vertrauen auf diesen Gott das Heil für alle Menschen. Christus bleibt die Mitte des Glaubens. Ein überschätztes System interpretiert letztlich Gott zu klein, als hätten Gott und Mensch nur dann eine Chance, wenn die Kirche mit ihren Doktrinen und pastoralen Instrumenten dazwischentritt. Gott sei Dank ist Gott aber viel grösser. Von dieser Liebe Gottes Zeugnis zu geben und an das Zentrum des Christseins in der Einheit von Menschen- und Gottesliebe zu erinnern, das ist die grossartige und unverzichtbare Sendung der Kirche. Sie dient somit einer Liebe, die sie nicht selber erfüllen kann und auch nicht muss. Kirchenreform ist zutiefst eine stete Umkehr zu Jesus Christus und ein Ringen um die Gottesfrage sowie um den Mut zu konkreten Schritten.
Dabei mag es hilfreich sein, zwischen der Kirche als geschichtlich gewachsenes System und Kirche als Glaubensgemeinschaft zu unterscheiden, auch wenn beide Aspekte nicht zu trennen sind. Die Seele von Kirche ist die Glaubens- und Solidaritätsgemeinschaft. Dem hat das Kirchenrecht zu dienen. Daran hat das kirchliche System Mass zu nehmen.
So zeigt die schmerzliche Krise in der gegenwärtigen Stunde der Kirche, wie Kirche nur dadurch zur Umkehr auch als Organisation und System finden kann, wenn sie sich selbst evangelisiert. Kirchenkritik ist somit ebenfalls kirchliches bzw. christliches Handeln. Die Quellen ihrer Zukunft liegen in ihrer Mystik, nicht in der Starrheit eines kirchenrechtlichen Gewandes, das für den gewachsenen Reichtum an innerkirchlichen Prozessen und Erneuerungen in der Praxis zu eng geworden ist. Die Kirche ist nicht nur das äussere medial wahrgenommene System. Sie ist eine weltweit bis in die territoriale Pfarreistruktur, in Orden und Klöstern sowie durch Hilfswerke vernetzte Solidaritätsgemeinschaft. Sie ist trotz aller historischen Veruntreuungen eine zweitausendjährige existentielle Interpretationsgemeinschaft des christlichen Glaubens und dies mit einer Erfahrungsweisheit, die ihresgleichen sucht. Als einzelne Menschen würden wir persönlich und spirituell verarmen und in unserer subjektiven Biographie verkümmern, wenn wir uns aus der Nähe zu einer solchen Solidaritäts- und Interpretationsgemeinschaft herausnehmen würden und in Distanz gerieten. Kirchenaustritt ist keine Lösung, sondern ein Verlust für die Menschen, aber auch für die Kirche als Glaubensgemeinschaft. Mit dem Christsein ist es wie mit allen entscheidenden Fragen des Lebens: man bezahlt mit sich selber und kann sich nicht stellvertreten lassen. Im christlichen Sinn kann man nie allein oder gegen andere "katholisch" sein. - Dann lernt man auch bei schrecklichen Krisen der Kirche, zu sehen, dass das Rettende schon keimt und wächst und da ist. Kirche ist auch ein weltweites Netz von Frauen und Männern mit einem Reichtum an charismatischer Dynamik und solidarischen Synergien. Dies nicht zu sehen, wäre auch Realitätsverlust.
Und noch etwas soll erwähnt werden. Wenn die Kirche bei diesen Skandalen mit deren Aufarbeitung Ernst macht und dabei ihre ganze Aufmerksamkeit den Opfern widmet und zugleich die Sorge für die Täter nicht vergisst, dann könnte sie einen Dienst an der Gesamtgesellschaft leisten. Denn der Skandal ist nicht nur auf die Kirche beschränkt. Dieser Tsunami überschwemmt inzwischen auch andere gesellschaftliche Bereiche bis hin zum Beispiel zur Reform-Pädagogik und die ehemaligen DDR-Kinderheime. Und es stellen sich auch kritische Fragen an die Medien und an die sogenannte Kulturwelt, die zum Beispiel im Fall von R. Polanski zum Teil gar nicht Partei für das Opfer ergriffen haben, sondern beflissen für den mutmasslichen Täter.
*Leo Karrer ist emeritierter Professor für Pastoraltheologie an der Universität Freiburg. Von 1993 bis 2001 war er Vorsitzender der Konferenz der deutschsprachigen Pastoraltheologen und Pastoraltheologinnen und von 2001 bis 2004 Präsident der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie. Er ist zudem einer der Initianten der Tagsatzung im Bistum Basel.
(kipa/leo karrer/gs)
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