
Interview:
Die Muslimin und Islamwissenschaftlerin Rifa’at Lenzin über die Anti-Minarett-Kampagne
"Die Frauenfrage wird für politische Zwecke instrumentalisiert"
Von Josef Bossart / Kipa
Bern, 27.10.09 (Kipa) "Als Muslimin wehre ich mich gegen die Diffamierung und Pauschalisierung meiner Religion als frauenfeindlich und unterdrückerisch, ich wehre mich gegen eine Instrumentalisierung der Frauenfrage für politische Zwecke", sagte die Islamwissenschaftlerin Rifa’at Lenzin (Zürich) am Dienstag, 27. Oktober, in Bern. Eine Allianz verschiedener Organisationen, angeführt von Ex-Bundesgerichtspräsident Giusep Nay, hat an einer Medienkonferenz ihre Kampagne gegen die Minarett-Initiative präsentiert: Das Minarett-Verbot sei "diskriminierend und unnötig". – Die Presseagentur Kipa hat mit Rifa’at Lenzin gesprochen.
Kipa: Können Sie als Muslimin in der laufenden heftigen Kampagne der Minarett-Gegner auch etwas Positives für Ihre Glaubensgemeinschaft sehen? Oder ist da nur Diskriminierung und Verletzung?
Rifa’at Lenzin: Es kommt ein bisschen auf das Abstimmungsresultat an. Sollte die Minarett-Initiative am 29. November tatsächlich angenommen werden, dann würden wirkliche die Nachteile im Zusammenhang mit der Hässlichkeit dieser Kampagne überwiegen. Viele Muslime sind einfach verletzt und können nicht nachvollziehen, was da vor sich geht.
Positives könnte ich in dieser Kampagne dann sehen, wenn die Initiative wuchtig verworfen würde. Doch damit rechne ich, ehrlich gesagt, nicht mehr. Aber wenn sie wenigstens abgelehnt würde, dann wäre dies doch ein Zeichen für die Muslime, dass die Mehrheit der Schweizer einer solchen Ausgrenzung nicht zustimmt und eine solche nicht mehrheitsfähig ist. Das wäre bestimmt ein Signal, und das würde die Hässlichkeit der Kampagne etwas relativieren.
Doch mittel- und langfristig müssen auch gesellschaftliche Prozesse geführt werden. Da gehört diese Auseinandersetzung dazu. Die schweizerische Gesellschaft ist im Grunde genommen nicht bereit dazu - sie lebt zwar schon seit Jahrzehnten mit den Muslimen, hat sich aber noch nicht bewusst mit deren Präsenz in der Schweiz auseinandergesetzt.
Kipa. Sie meinen: Die Schweizerinnen und Schweizer wissen zwar, dass es sie in ihrem Lande gibt…
Lenzin: … ja, aber das interessiert niemanden. Denn die Muslime machen ja eigentlich keine Probleme. Und so kann man ihre Präsenz gut verdrängen. Erst jetzt, wo es zu einem solchen Politikum wird, muss man sich damit auseinandersetzen. Ich hätte mir eine solche Auseinandersetzung in einer erfreulicheren Form gewünscht, aber vielleicht ist das eine Illusion.
Schauen Sie das Ausland an. In Grossbritannien zum Beispiel ist man aufgrund der eigenen Geschichte bereits weiter in diesem Integrationsprozess. Dort ist es heute für einen Sikh kein Problem mehr, mit Turban in der britischen Polizei Dienst zu tun. Aber das musste auch erstritten werden! Denn es war nicht so, dass man gesagt hat, ach ja, das sind diese netten ehemaligen Subjekte aus der Kolonialzeit, die nehmen wir jetzt einfach. Nein, alles musste erkämpft werden. Das gilt, glaube ich, auch für die Muslime. Geschenkt wird nichts. Und so gesehen könnte ich der jetzigen Kampagne schon noch einen positiven Aspekt abgewinnen.
Kipa: Die französischsprachige Sektion der SVP im Kanton Wallis hat soeben ein neues Plakat-Sujet zur Minarett-Initiative präsentiert. Über dem Slogan "Stopp der Unterwerfung" zeigt das Bild hinter Gitterstäben die Augen einer verschleierten Frau. Das Minarett sei Symbol eines "verschärften Patriarchats", sagt der Walliser SVP-Nationalrat und Minarett-Gegner Oskar Freysinger dazu. Kennen Sie dieses Plakat schon?
Lenzin: Nein. Aber es passt gut ins übliche Bild. Ich stelle mir Frauenbefreiung ein bisschen anders vor. Und vor allem ist für mich sehr verdächtig, aus welcher Ecke das kommt – es sind ja nicht eben diese Kreise, die sich pointiert für die Frauenrechte einsetzen.
Frauenbefreiung funktioniert nicht auf diesem Weg! Das hat man ja auch mit den Amerikanern in Afghanistan gesehen, die den Krieg dort angeblich auch angefangen haben, um die Frauen aus der Burka zu befreien. Doch die Frauen dort sind heute noch gleich weit, die Gesellschaft in Afghanistan hat grosse Rückschritte gemacht. Das wenige an Sicherheit, das sie vorher hatten, haben die Frauen auch verloren. Von Frauenbefreiung kann also keine Rede sein.
Frauenbefreiung muss aus der Gesellschaft selber kommen – nicht aus der schweizerischen an sich, sondern aus der islamischen Gesellschaft.
Kipa: Und das ist Ihres Erachtens im Gang?
Lenzin: Das ist im Gang. Doch solche Kampagnen wie diese hier mit der verschleierten Frau hinter Gitterstäben behindern den Prozess der Auseinandersetzung. Und zwar, weil dies polarisiert. Bei Polarisierungen sind die Leute plötzlich gezwungen, Stellung zu beziehen. Plötzlich ist man nur noch für die Verschleierung der Frau oder nur noch dagegen. Mir fehlt da so ein bisschen die Leichtigkeit des Seins. Ich plädiere einfach dafür, dem nicht ein solches Gewicht beizumessen. Denn so erhält es einen Symbolgehalt, und das wirkt sich auch auf die muslimische Gemeinschaft aus. Wir haben weiss Gott andere Probleme!
Innerhalb der islamischen Religionsgemeinschaft muss aber noch ein anderer Prozess ablaufen. Nämlich jener der Definition: Was gehört zur eigenen Identität? Wer sind wir? Was wollen wir? Denn Schlagworte wie Integration müssen irgendwann mit Inhalt gefüllt werden.
Kipa: Im Grunde geht es um das Recht auf Definition der eigenen Identität.
Lenzin: Ja, das ist die Grundfrage. Aber in dieser Identitätsproblematik steckt natürlich auch die schweizerische Gesellschaft. Die Frage lautet: Wer sind wir in einer globalisierten Welt? Veränderungsprozesse schaffen immer Ängste – nicht nur bei der Mehrheitsbevölkerung, sondern im vorliegenden Fall auch bei den Muslimen. Mit diesen Ängsten muss man jedoch umgehen. Instrumentalisiert man sie einfach, dann nützt das weder der Gesellschaft noch dem einzelnen Individuum etwas.
Hinweis: Die Muslimin und Islamwissenschaftlerin Rifa’at Lenzin (Zürich) gehört als Islam-Vertreterin der Leitung des Zürcher Lehrhauses, das sich als Forum interkultureller Auseinandersetzung im Bereich von Christentum, Judentum und Islam versteht.
(kipa/job/ak)
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